Was ist (gutes) Scrollytelling?

Guardian

Die Verwendung des Begriffes “Scrollytelling” erzeugt immer wieder Stirnrunzeln und Fragezeichen in Gesichtern. Die Umschreibung “Online-Feature” oder “Longread” macht es da nicht besser. Was soll das also heißen? Und was sind wirklich gute Scrollytellings?

“Scrollytelling” ist ein journalistisches Instrument. Der Begriff “Instrument” greift dabei allerdings etwas kurz – eher kommen Scrollytellings ganzen Sinfonieorchestern gleich. Anders als Fernsehbeiträge oder klassische Onlineartikel bestehen sie nicht nur aus Video oder Text, sondern auch aus Bildern, Audio, Animationen, Karten und interaktiven Elementen.

Die durchscrollbare Wunderwelt

Aus all diesen Inhalten wird eine Gesamtkomposition – eine Geschichte die mal langsam, mal schnell, mal bunt und laut und sogleich wieder ruhig und taktvoll fließt. Das fertige Arrangement präsentiert sich in einer durchscroll- und durchklickbaren Wunderwelt. Das macht die Erfahrung des Inhalts deutlich spannender und spielerischer als bei klassischen Umsetzungen.

“Let’s snowfall this”

Eines der ersten “berühmt” gewordenen Scrollytellings kam Ende 2012 von der New York Times und heißt “Snow Fall”. Es erzählt die Geschichte eines Lawinenunglücks und ist bis heute ein sehr lesenswertes Stück. Der Ausdruck “Let’s snowfall this” wurde daraufhin zum geflügelten Begriff für die Erstellung von Scrollytellings.  Ein weiteres bekanntes Stück dieser Machart ist “Firestorm” vom Guardian.

New York Times
New York Times

Aufwändig & teuer

Scrollytellings sind allerdings ziemlich aufwändig. Für vielfältige Inhalte braucht es vielfältige Fähigkeiten. Oft unterstützen Grafiker, Datenexperten und Programmierer die Journalisten. An Snow Fall arbeiteten zum Beispiel 16 Personen. Viele Mitarbeiter und ein langer Produktionszeitraum machen Scrollytellings teuer. Deshalb ist diese Form der Umsetzung selten und bleibt sehr besonderen Geschichten vorbehalten.

Was gefällt uns? Was nicht?

Zu Beginn unseres Projektes haben wir nach Scrollytellings gestöbert, die uns besonders gut gefallen – oder eben nicht. Innerhalb unserer Recherche sind wir auf viele Multimedia-Geschichten gestoßen, die uns positiv oder negativ in Erinnerung geblieben sind. Dies ist eine Auswahl:

1. Pop auf’m Dorf vom Westdeutschen Rundfunk

WDR
WDR

Die Hommage ans Haldern Pop Festival gewann 2014 den Grimme Online Award. Sie wurde mit dem Programm Pageflow erstellt. Das Reportagetool wurde von Codevise zusammen mit dem WDR entwickelt und steht frei zur Verfügung. Es bietet eine Oberfläche, auf der Journalisten ihre Videos, Bilder und Texte einspeisen können, ist also eine Art reduziertes CMS. Andere Scrollytellings haben oft eigene Programmierungen – mit Pageflow können auch Nicht-Coder solche Multimedia-Reportagen erstellen.

Allerdings ähneln sich viele mit Pageflow generierte Scrollytellings sehr – das Programm lässt nur begrenzten Gestaltungsspielraum, das Playerdesign ist veraltet und die Bedienung des fertigen Produkts teilweise nicht intuitiv.

2. The Land of The Magic Flute von der Interactive Media Foundation

Interactive Media Foundation
Interactive Media Foundation

Dieses Scrollytelling ist ein Motion Graphic Novel – also eine Art interaktives Comic. Zu Beginn gibt es eine sehr deutliche Anleitung, wie das Ganze funktioniert: Kopfhörer aufsetzen, Full Screen an und los geht’s. Der Nutzer fühlt sich sofort gut aufgehoben.

Ästhetische gezeichnete Animationen sollen junge Menschen an die Welt der Oper und der klassischen Musik heranführen – angelehnt ist die Geschichte an Mozarts Zauberflöte. Besonders gelungen ist das Zusammenspiel von Geräuschen, Animationen und Musik. Durch einen geringen Textanteil gibt es keine “erschlagenden” Elemente – im Gegensatz zu zum Beispiel Snowfall, das sehr textlastig ist. Allerdings erwartet den Nutzer auch eine lange Ladezeit und die Geschichte bietet nur wenig Interaktionsmöglichkeiten.

3. Welcome to Pine Point vom National Film Board of Canada

National Film Board Of Canada
National Film Board Of Canada

Diese Geschichte sollte ursprünglich ein Buch werden – bis die Macher merkten, dass es eine viel schönere digitale Reportage wäre. Welcome to Pine Point ist eine interaktive Webdoku aus dem Jahr 2011, die sich mit einer nicht mehr bestehenden Gemeinde beschäftigt.

Das Porträt des kleinen Ortes Pine Point zeigt Statements ehemaliger Bewohner und setzt sich mit Erinnerungskultur auseinander. Dabei beweisen die Macher viel Einfallsreichtum und ein Händchen für Details: Bilderstrecken werden in interaktiven Bilderbüchern dargestellt; während der Nutzer einem Audio-Interview zuhört, kann er Bilder oder Videos entdecken; oft sind einzelne Elemente klickbar und offenbaren versteckte Überraschungen. Dazu gibt es Collagen-Design und eine übersichtliche Nutzerführung. Bonus: Ein eigener Soundtrack der Band The Besnard Lakes.  Allerdings arbeitet die Doku nicht mit Scrollen, sondern lediglich mit Klicks.

4. Inside Abbey Road von Google

Google
Google

In den Abbey Road Studios haben neben den Beatles auch Pink Floyd und Oasis aufgenommen. Google zeigt das Tonstudio in London durch 360 Grad Bilder, wie wir sie von Google Streetview kennen. Das Longread vermittelt dem Nutzer fast das Gefühl, sich selbst in den Räumlichkeiten im Stadtteil Westminster zu bewegen – und bietet die Möglichkeit, Bilder, Tonaufnahmen und Videos zu entdecken. Außerdem kann sich der Nutzer selbst als Musikproduzent versuchen. Auf spielerische Weise wird so ein fesselnder Eindruck des Kultstudios vermittelt. Scrollbar sind hier einzelne Geschichten, die bei Klicks auf Elemente innerhalb des Raums sichtbar werden.

5. Der Prozess von der Süddeutschen Zeitung

Süddeutsche Zeitung
Süddeutsche Zeitung

Das zweite Jahr des NSU Prozesses wurde von der Süddeutschen Zeitung in einem Scrollytelling aufbereitet, dass sich kurzer Videos, Karten der Tatorte, fliegender Überschriften und eines Zeitstrahls bedient. Die einzelnen Prozesstage werden so spannend erfahrbar und anschaulich nachvollziehbar. Kleiner Wermutstropfen: Zum Ende hin wird der Longread durch fehlende multimediale Anteile eher trocken.

6. Strange Visitor: A Conversation With Aphex Twin von Pitchfork

Pitchfork
Pitchfork

Pitchfork liefert mit diesem Scrollytelling zum Künstler Aphex Twin eine sehr textlastige Geschichte. Animierte Überschriften lockern das Ganze etwas auf und insbesondere die Steuerung begeistern hier jedoch. Nach dem Lesen eines Texts wird der Nutzer automatisch wieder zum Hauptmenü zurück geleitet – dort ist durchgestrichen, was dieser schon angesehen hat. Außerdem hat Strange Visitor ein Menü, dessen Design zur Thematik passt.

7. Scaling Mt. Everest von der Washington Post

Washington Post

In dieser Geschichte der Washington Post scrollt der Nutzer ausnahmsweise mal nicht runter, sondern hoch – und zwar den Mount Everest hoch. Dazu werden Text und Audios in Häppchenform geliefert. Zurückhaltende Illustrationen unterstüzen die Reise auf den höchsten Berg der Welt, dazu gibt es Erzählungen von Protagonisten, die den Mount Everest nicht digital, sondern analog beklommen haben.

8. Wer hat den Größten? vom Bayrischen Rundfunk

Bayrischer Rundfunk
Bayrischer Rundfunk

Puls vom BR analysierte mit einer Textanalysesoftware den Wortschatz deutscher Rapper. Verglichen wird dieser mit der Wortvielfalt der Texte Johann Wolfgang von Goethes und Helene Fischers. Das Datenjournalismus-Projekt zeigt, dass es nicht viel text braucht, um viele Informationen zu vermitteln – und das, obwohl es hier um eine Textanalyse geht. Illustrationen mit übersichtlichen Infos vermitteln Stück für Stück, welchen Inhalten sich deutsche Hip Hopper widmen.

Obwohl die Informationen witzig aufbereitet sind, passiert in dem Scrollytelling außer Scrollen allerdings wenig – schade, denn gerade hier hätte man toll mit Audio arbeiten können. Stattdessen liefert Wer hat den Größten an multimeldialen Inhalten nur ein Erklärvideo und eine Spotifyplaylist. Letzteres ist zwar Service für den Nutzer, leitet diesen aber von der eigentlichen Geschichte weg.

Scroll-Empfehlungen

Die genannten Geschichten sind nur eine Auswahl der Multimediageschichten, die wir in unserer Recherche entdeckt haben. Zahlreiche weitere Beispiele gibt es auf Onlinefeature.de – Moritz Peikert hat dort im Rahmen seiner Masterarbeit „Let’s snowfall this – Analyse online-journalistischer Multimedia-Features sowie deren Rezeption (2013-2014)“ Web-Dokumentationen, Reportagen und weitere „Longreads“ aller Art gesammelt.

FireShot Capture 16 - Onlinefeature_ » Sammlung von Multimedia-Reportage_ - http___onlinefeature.de_

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